Soft sein in einer harten Welt
- 10. Okt. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt verlangt von mir, härter zu sein. Unerschütterlich. Unbeeindruckt. Abgebrüht. Als wäre Sanftheit eine Schwäche, die man sich erst wieder leisten darf, wenn man alles erreicht hat.
Aber ich will weich bleiben. Empathie zu empfinden ist nicht nur wichtig in Freundschaften oder Beziehungen, sondern in allen zwischenmenschlichen Begegnungen.
Früher war ich oft resolut, manchmal sogar absolutistisch. Ich dachte, richtig oder falsch sei eine klare, saubere Linie. Doch mittlerweile versuche ich immer mehr, auch die Situation meines Gegenübers zu verstehen. Nicht jeder denkt und fühlt wie ich und mich selbst als Maßstab an andere zu setzen, empfinde ich heute als unfair und alles andere als verständnisvoll.
Vieles davon habe ich durch das exzessive Hören von True-Crime-Podcasts erkannt. Früher fand ich viele Urteile für Verbrechen zu mild. Ich dachte, Hauptsache wegsperren, am besten die härteste Strafe, die das Gesetz kennt. Viele in meinem Umfeld denken bis heute so. Sie betrachten die Tat, aber nicht die Geschichte dahinter.
Doch genau das wird in True-Crime-Podcasts immer wieder sichtbar. Welche Erfahrungen hat ein Mensch gemacht, die ihn geprägt haben? Was hat ihn zu dem werden lassen, der er heute ist?
Wenn man sich wirklich hineinversetzt, versteht man, oft, nicht immer, warum Dinge strafmildernd wirken. Natürlich gibt es Täter, die lügen. Aber viele vergessen, dass Aussagen nicht einfach geglaubt werden, nur weil jemand sie macht. Ermittler befragen Familie, Geschwister, Nachbarn, Wegbegleiter und wenn viele Menschen bestätigen, was jemand sagt, ergibt sich plötzlich ein ganz anderes Bild.
Ich habe gelernt: Man darf Menschen nicht alle gleich behandeln, nur weil sie gegen dieselbe Regel verstoßen haben. Jeder Mensch trägt andere Erfahrungen, andere Verletzungen, andere Prägungen in sich. Verstehen, wieso jemand so ist, wie er ist, das ist keine Entschuldigung, sondern der Versuch, Menschlichkeit zu bewahren.
Wir sollten lernen, öfter den „benefit of the doubt“ zu geben, also Menschen zunächst den Vertrauensvorschuss zu schenken, dass ihre Absichten gut sind, auch wenn wir es nicht sicher wissen.
Denn nicht jeder, der anders ist, ist weniger wert.
Jemand ist stark übergewichtig? Vielleicht hat die Person eine Krankheit, ein Lipödem, oder trägt etwas mit sich, das du nicht sehen kannst.
Jemand wählt einen anderen Lebensweg, als du es dir gewünscht hättest? Vielleicht erfüllt ihn genau das zutiefst.
Jemand ist verschlossen und distanziert? Vielleicht hat diese Person schlechte Erfahrungen gemacht und schützt sich auf ihre Weise.
Wir alle urteilen zu schnell. Und vielleicht ist genau das die Krankheit unserer Zeit:
Wir verstehen zu wenig, weil wir zu sehr mit dem Bewerten beschäftigt sind.
Soft zu sein bedeutet nicht, naiv zu sein. Es bedeutet, die Welt zu sehen, wie sie ist und trotzdem freundlich zu bleiben.


Toller Text! Anderen Menschen the benefit of the doubt zu geben ist sehr hilfreich, um ein positives mindset aufzubauen. Wenn man immer davon ausgeht, dass jemand etwas aus einer bösen Intention heraus macht, umgibt man sich selbst nur mit negativen Gedanken, was ich sehr schade finde. Die Dinge nicht nur in schwarz-weiß zu betrachten hilft dabei, emphatischer zu werden.